Der Bahnhof Heiligenbeil

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20.-26.Jan.1945         10 Wochen vor dem Ende Ostpreußens

21.1.fährt der letzte, völlig mit Flüchtlingen überfüllte Nachtzug nach Berlin.

Der Plan ist, die Kisten – da inzwischen das Eis für einen LKW-Transport nicht mehr sicher erscheint – bis nach Heiligenbeil, dem Hauptquartier der dort stehenden kampfstarken 4. Armee zu bringen und in Rosenberg auszuschiffen. General Müller, Oberbefehlshaber der 4., wird informiert, signalisiert aber, dass ihn „das einen Scheißdreck“ interessiere angesichts von Kämpfen, die im weiteren Verlauf bis zu 4000 seiner Männer täglich das Leben kosten. Am 23.1 werden die 12? Kisten mit dem Bernsteinzimmer oder einem Teil von ihm auf die Bahn verladen. Jedoch schon nach fast 60 km ist schon Schluss. Die Meldung kommt durch, dass die Rote Armee in Elbling ist. Danach ist die Bahnverbindung nach Berlin abgebrochen. Die zwei Güterwaggons werden auf einem Nebengleis des Güterbahnhofs in Heiligenbeil zurückgefahren. Der Rest des Zuges fährt nach Königsberg zurück. Aber immerhin: Der Zug mit dem plombierten Waggon „Sonderfracht Gauleitung Ostpreußen“ kommt  planmäßig bis Heiligenbeil und steht dort zwei Wochen an der noch heute bestehenden Rampe am Güterbahnhof. Die Verplombung wird aufgebrochen, eine der Kisten ebenfalls. Teile des Schatzes tauchen später als Hehlergut auf. Rohde ist inzwischen zurückgekehrt. General Müller hat das Grenadierregiment 43 mit der Sicherung dieses „bescheuerten Sonderwagens“ beauftragt, Dessen Kommandeur will die Aufgabe vom Hals haben und befiehlt  einem seiner Zugführer, sich LKWs zu nehmen und die Sachen nach Rosenberg zu schaffen, um die Angelegenheit vom Halse zu bekommen. Der Zugführer packt um, aber nach Rosenberg ist kein Durchkommen mehr. Die knapp fünf Kilometer vom Bahnhof bis zum Hafen liegen inzwischen unter permanenten Artilleriefeuer der Roten Armee, die nun den Kessel um Heiligenbeil Tag für Tag enger schnürt. Die Straße ist vollgestopft mit Flüchtlingen, ein geregeltes Einschiffen zumal von LKWs ohne Personen ist eine Wahnvorstellung. Dringend für Munitions- und Verwundetentransport benötigte LKWs aber am Bahnhof stehen zu lassen, wo schon verplombte Waggons aufgebrochen und geplündert werden, ist auch nur für eine Nacht unverantwortlich.

Die Nebengleise des Bahnhofs von Heiligenbeil, dem heutigen Mamonovo

Hier auf diesen Gleisen könnten sie gestanden haben, die Waggons mit den Kisten.  Stellen Sie sich eine stockefinstere Nacht vor. Es taut, überall tropft Wasser herunter, Rhode sieht kaum den Bahnsteig, als er in einem langen dunklen Wollmantel mit seiner Fracht am Bahnhof steht. Unterbrochen wird die bedrückende Stimmung nur durch gellende Lokomotivenpfiffe; oder sind es die schrillen Einschläge von Granaten? Er ist ratlos; die geheime Fracht ist hier, es gibt kein vor und zurück. Schemenhaft durch die Dunkelheit sind gerade noch die Stationsschilder von Heiligenbeil zu lesen.

Nach etwa 14 Tagen kommt Leben in die Szene. Soldaten packen die Kisten auf LKWs. Rhode begleitet den Treck. Es geht den leicht abschüssigen Weg vom Güterbahnhof (Bahnhofsrückseite) unter der Eisenbahnunterführung und durch Heiligenbeil hindurch. Die Fahrt dauert nicht ewig. Nach einer Weile kommen sie auf gewundene Wege und hell geschotterte engere Straßen, es wird hügelig. Und dann sind sie da, am Versteck. Die Kisten werden in eine dunkle Höhlung gebracht. Das ist nichts für Rhode. Er hat Angst und läßt die Soldaten und den Kommandanten machen.

Dorothea Kühn geht einmal davon aus, dass von den Akteuren keiner so lange überlebt hat, dass er jemandem das Versteck hätte verraten können. Vielleicht sind sie auch von den eigenen Leuten liquidiert worden damit sie nichts verraten können . Unser Held, Alfred Rhode ist noch im ersten Nachkreigsjahr gestorben. Er hätte sagen können, wo das Bernsteinzimmer versteckt ist, Koch jedoch nicht. Koch aber schwieg bis zum Schluß, weil er – erst in russischer, dann in polnischer Obhut – nicht zu Unrecht glaubte: Wenn er im Dunkeln ließe, dass er wisse, wo das Bernsteinzimnmer sei, sei das seine Lebensversicherung. Er wusste aber nur, dass das Zimmer nicht mehr in Gänze in Königsberg war und nahm dieses wertlose Geheimnis mit ins Grab. Rohde aber, der die Spur mindestens bis Heiligenbeil hätte nachweisen können, überlebte alles das nur bis zum Dezember 1945, bevor der an Typhus und Hunger starb – wohl bis zum Schluß in der Hoffnung, sein geliebtes Bernsteinzimmer doch noch wiederzufinden. Die letzten, die es genau hätten wissen können, liegen auf dem Grunde des Haffs. Wir werden also weiter suchen müssen – möglichst aber an den richtigen Stellen: nicht in Kaliningrad, sondern im alten Heiligenbeiler Kessel, bei Balga und Kahlholz nahe des heutigen Mamonowo.

Fred Filius, Mamonowo, Ostermontag 2011

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